HomeBiographieLeitsatzRepertoireKontakt
Bjørn Waag - LiedForum DE@Current Lied
Kunstlehre - ein Gespräch
Fragebogen
Wort zum 2012
Kunstlehre - ein Gespräch

 

"Der Lernende steht im Zentrum"

Fragen an Bjørn Waag zur Aufnahme seiner Unterrichtstätigkeit an der Musik-Akademie Basel
Gesprächspartner: Bettina Auer und Dr. Anton Haefeli

Ab Oktober 2003 unterrichtete Bjørn Waag an der Hochschule für Musik der "Musik-Akademie Basel" als Nachfolger von Kurt Widmer Sologesang. Er gab dazu für das Monatsbulletin des Theater Basels Auskunft zu Fragen über seine Tätigkeit, die die MAB in ihrem Hausblatt nachdruckte und mit eigenen Fragen vervollständigte.

Was reizt einen erfahrenen Sänger daran, junge Studierende auszubilden?
Es ist mehr als ein Reiz, es ist eine Erfüllung. Ich habe mir zwar die Möglichkeit erhofft, an einer Lehrinstitution tätig werden zu können - dass es nun eine so hoch einzuschätzende Stelle wurde wie die der Nachfolge Kurt Widmers in Basel, ist schwere Verantwortung und erfreuliche Ehre zugleich. Widmer hat über Jahrzehnte die Szene fest geprägt und ist ein Vorbild Studierender auf der ganzen Welt. Die Aufgabe der Transformation wird nicht leicht. Ich halte es für wichtig, dass der Gesangslehrer selbst mitten im praktischen Bühnenleben steht. Besonders in der heiklen Beziehung zwischen Praxis und Lehre sehe ich an den deutschsprachigen Hochschulen grundsätzlichen Nachholbedarf. Zudem arbeite ich an einem Konzept, das ausser einem gesteigerten interdisziplinaren Dialog auf eine grössere Öffnung gegenüber anderen kulturellen Institutionen in Basel zusteuert.

Was müssen Sänger und Sängerinnen auf der Opernbühne für Sie über die Gesangstechnik hinaus können?
Den richtigen Umgang mit einer Vorlage beherrschen, also die Partie oder Rolle, die es im Moment zu gestalten gilt, schon in der Vorbereitungsphase durchdringen. Ich würde diesen Vorgang allgemein mit dem Umgang mit Menschen vergleichen: Man sollte Achtung zeigen, neugierig sein, der Vorlage ein Stück Vertrauen (also Liebe) entgegenbringen. Dadurch kann die Fähigkeit entstehen, zwischen den Noten lesen zu können, subtextuell notierte Signale aufzunehmen, um sie dann für sich eigenständig umsetzen zu können. Ich lehne die methodische Trennung von Technik und Interpretation mit Entschiedenheit ab, auch in der Anfängerphase. Das technische Können der Sänger ist das Vehikel zur Realisierung ihrer künstlerischen Absicht. Das ist eine Richtung, in die ich gern verstärkt arbeiten möchte. Zudem müssen die Studierenden lernen, mit ihrem Körper als Instrument umzugehen, wie man mit der eigenen Psyche und seinem Körper auch Extremsituationen - die es auf der Opernbühne und Konzertpodium oft genug gibt - bewältigt.

Welche Fehler können junge Sänger und Sängerinnen - aus Ihrer Erfahrung - vermeiden? Haben Sie ein Motto für sie parat?
Auf der einen Seite werden junge KollegInnen in der Ausbildungphase dazu angehalten, fast übertrieben vorsichtig mit sich selbst zu verfahren. Im Berufsalltag lassen sie sich dafür um so schneller zermalmen von den Erfordernissen und der Schnelligkeit des Geschäfts, der plötzlichen und erschreckenden Begegnung mit dem Riesenapparat des Opernorchesters. An diesem Punkt wäre eine enge Abstimmung zwischen Ausbildung und Praxis, also genauer, Lehrer und Theaterleiter, besonders wünschenswert. Schauen Sie:
Wenn der singende Künstler sich mit dem jeweiligen Werk sehr ernsthaft auseinandersetzt, gibt das Werk etwas zurück, was einen selbst wiederum verändert. Und was einen verändert, ist das, was man lernt, weil lernen schlicht sich verändern heisst. Das Thema des Lehrers dabei ist, diesen Prozess wach und liebevoll, aber auch streng zu begleiten. Ich finde den Begriff "Begleiten" besser als "Methode", ich glaube an keinen sängerischen Königsweg, jeder ist anders gebaut. Es gibt zwar "richtige" Grundprinzipien, die für alle gelten, aber eben sehr unterschiedliche Aufgaben und Anatomien. Jeder Sänger baut sich sein eigenes Haus aus den Wissenssteinen und dem Material, was er sich aus verschiedenen Höreindrücken und von mehreren Lehrern Zeit seines Lebens zusammensetzt. Als Lehrer muss man diesen Prozess des "Hausbauens" begleiten.

Sie haben bislang noch nichts über die Ausbildung der Gesangsstudierenden auch zu Musikpädagogen gesagt. Liegt Ihnen das ebenso am Herzen? (AH)
Aber ja. Nicht nur angesichts der real existierenden Zwänge bei der späteren Berufswahl, sondern viel mehr und vor allem wegen der eminenten Wichtigkeit pädagogischer Tätigkeit für alle Künste in unserer gegenwärtigen Krisenlage liegt mir daran sehr viel. Da die Annahme Adornos, die Künste befänden sich gesellschaftlich in einem Zustand der Selbstliquidation, würden jedoch nicht einfach verschwinden, sondern wie abgebrochen darin verharren, sich bewahrheitet hat, ist der Interpret allein mit dem Aufzeigen der Reflexion auf eben diesen Prozess der Abschaffung gänzlich überfordert. Nur gemeinsam können Schaffende, Interpreten und Pädagogen, denen hier eine ganz besonders wichtige Aufgabe zukommt, die Flaschenpost unserer Botschaft, nämlich die Utopie einer Rettung, in die Zukunft hinübertragen.

Das heisst wohl auch, dass die Hochschule sich etwas mehr mit Utopien beschäftigen müsste. Hierzu passt fast nahtlos einige bemerkenswert kritische Gedanken zur Musikinterpretation, die Sie veröffentlicht haben. Darf ich diese am Schluss zitieren? (AH)
Selbstverständlich.

Dann bleibt mir nur noch, Ihnen für dieses Interview zu danken und für Ihre Unterrichtstätigkeit an unserem Hause alles Gute zu wünschen in der Hoffnung, Ihnen gelinge es, Ihre Studierenden zu der Haltung zu bringen, die Sie in den folgenden Sätzen einfordern. (AH) [Siehe folgender Link]

Leitsatz des Interpreten im 21. Jahrhundert

 

 

HomeBiographieLeitsatzRepertoireKontakt